Trotzphase? Gibt es nicht!

Nov 19, 2018 | Baby & Kind, Kleinkind, MamaSein, MamaSein&Mehr | 0 Kommentare

Dieser Artikel wurde von der lieben Janina vom Familienblog „Mamazeiten“ geschrieben. Sie erklärt, warum es eigentlich keine Trotzphasen gibt und wie ihr trotzdem auf liebevolle und respektvolle Weise eurem Kind bei negativen Emotionen helfen und begleiten könnt. Viel Spaß beim Lesen!

Mama und der kleine Hannes gehen zusammen im Supermarkt einkaufen. Am Jogurtregal möchte Hannes unbedingt den Jogurt mit der Hundefigur haben. Er sagt: „Mama haben wollen.“ Die Mama antwortet: „Nein Schatz, den magst Du gar nicht, lass uns einen Anderen aussuchen.“ Hannes möchte aber den und sagt „Neeeeiin Mama haben wollen bitte.“ Die Mama versucht es mit einer Alternative nach der Anderen, denn sie weiß, dass Hannes genau diesen Jogurt nicht mag und nur wegen der Hundefigur möchte. Sie versucht es erneut mit einer Ablenkung: „Schau Hannes, wir gehen dahinten beim Spielzeug gucken, ob wir eine andere Hundefigur finden.“ Hannes überlegt kurz aber möchte unbedingt diesen Jogurt. Er fängt an zu schreien, dass er aber den Jogurt haben will. Die Leute schauen bereits und Mama weiß sich nicht mehr zu helfen und antwortet: „Hannes, den magst Du nicht, hör jetzt bitte auf, sonst gehen wir zurück in das Auto.“ Sie nimmt seine Hand und möchte weiter gehen, er stemmt sich dagegen und fängt nun an zu weinen und sich auf den Boden zu werfen. Mama reicht es, sie nimmt ihn hoch und beendet schnell den Einkauf.

So oder so ähnlich haben die meisten Eltern schon eine Situation erlebt. Immer wieder höre ich Eltern, die dann sagen: „Es ist die Trotzphase, Grenzen austesten oder den Willen durchsetzen.“ Auch heute wird noch oft gesagt, „lass Dir das nicht gefallen. Kinder brauchen Grenzen und sollen hören.“ Ich möchte in meinem Artikel heute einmal eine andere Sicht der Dinge aufzeigen und aufzeigen: Trotzphase? – gibt es nicht.

Kinder kommen mit ca. 1 – 1,5 Jahren in die so genannte Autonomiephase. Sie möchten Alles alleine machen, entdecken „Ich habe einen eigenen Willen und kann selbst entscheiden“. Mit fortschreitenden Alter, wird es für die Kinder immer wichtiger, dass sie die Dinge alleine machen wollen, sich ausprobieren und ihr Leben erforschen. Parallel dazu, fordert der Alltag, bspw. im Kindergarten oder zu Hause, die Kinder, zu immer mehr zur Selbständigkeit. Sie lernen die Schuhe alleine an- und auszuziehen, sich alleine die Zähne zu putzen, ein Brot zu machen, aufräumen, helfen beim Tisch decken usw.. Wir lassen sie auch gerne einmal entscheiden, ob es heute das Dinoshirt oder doch lieber das Shirt mit den Hundehelden sein soll. 


Kommen wir zurück auf die Situation im Supermarkt. Hannes hat den Jogurt gesehen – nein nicht den Jogurt sondern das Marketing hat zugeschlagen und der rote Hundeheld, sein Liebling – den möchte er haben. Da ist ein Jogurt drin? Das interessiert Hannes in dem Moment überhaupt nicht. Nun kommt Mama und sagt: „Nein, den Jogurt magst Du nicht und zeigt viele andere Produkte aber Hannes erkennt schnell, da ist nirgends die gewünschte Hundefigur drin.“ Mama versucht es nun mit einer anderen Strategie – ein anderes Spielzeug aber Hannes möchte ja genau diese Figur. Nun nimmt Mama die Hand und zieht ihn weiter. Sie übernimmt die Entscheidung und spielt ihre „Macht“ als Mama aus – gegen den Willen des Kindes und ohne hinter die Fassade zu gucken, warum Hannes denn so einen Aufstand macht. Im Endeffekt ist es für sie eine Provokation, ein absichtliches bocken und aus Trotz weil sie „nein“ gesagt hat, macht er nun ein riesen Aufriss. Was ist bei Hannes aber wirklich passiert?


Kinder sind in dem Alter sehr ich-bezogen und bedürfnisorientiert. Er fokussiert sich auf diese Figur und möchte sie haben. Außerdem ist er mitten in der Autonomiephase und möchte selbst entscheiden dürfen. Hannes hat sich also gedacht: Oh das ist ja mein Hundeheld. Den möchte ich haben. Ich bin schon groß und ich entscheide jetzt, dass ich diesen Jogurt kaufen möchte.
Die Mama dagegen entscheidet, nein wir kaufen diesen Jogurt nicht wegen der Figur. Was darauf folgt ist Protest, Wut und Traurigkeit – im Endeffekt – Hannes weiß einfach nicht weiter und wirft sich auf den Boden und weint. Er weiß, dass er keine Chance hat und er seine Figur nicht bekommen wird. Das Kind ist in dem Moment wirklich verzweifelt und emotional in einem tiefen Loch. Es kennt im Kleinkindalter noch keine andere Möglichkeit als weinen und merkt sich auch noch nicht Alles, was Mama schon letzte Woche erzählt hat.

Wie also diese Situation lösen?

Immer daran denken:

  • Kinder sind kooperativ und wollen ihren Eltern gefallen. Meiner Meinung nach provozieren sie im Kleinkindalter niemals absichtlich – es steckt immer ein Gefühl dahinter, mit dem sie nicht umgehen können
  • Kinder denken in erster Linie an sich selbst – sie sind bedürfnisgetrieben und fokussiert auf ihre eigenen Ziele
  • Autonomiephase – selbst entscheiden wollen ist sehr wichtig und auch der Forscherdrang lässt Kindern nicht so aufnahmefähig sein. Manchmal sind meine Strategen regelrecht weg getreten. Es hilft unwahrscheinlich sie einfach kurz zu berühren und dann mit ihnen zu sprechen – sie sind in ihrer kleinen Welt einfach fasziniert und abgelenkt.

Die Mama könnte die Situation auch versuchen auf eine andere Art zu lösen. Sie kniet sich auf Augenhöhe mit Hannes und fragt: „Darf ich mir den Jogurt einmal anschauen, den Du dir da ausgesucht hast?“. Hannes wird sicherlich stolz sein und es bejahen – wenn nicht, dann sollte die Mama den Wunsch respektieren aber kann genauso fort fahren und sagen: „Oh in dem Jogurt ist ja xy. Das ist ja toll. Deswegen möchtest Du den Jogurt so gerne haben?“ Das Kind nickt und strahlt. Dann kann Mama sagen: „Hmm ich sehe gerade, dass ist ein Erdbeerjogurt. Den magst Du aber gar nicht. Was machen wir denn da?“. Hannes sagt: „Doch mag ich“. Die Mama weiß genau, dass er den Jogurt nicht essen möchte und es nur die Spielfigur geht. Die Frage der Fragen: Und nun?

Es gibt zwei Antworten. Entweder sagt sich die Mama, ok – er möchte diesen Jogurt wirklich unbedingt, lässt sich nicht ablenken, „bestechen“ usw.. – das Marketing hat also wirklich eingeschlagen. Mal Hand aufs Herz – das ist uns auch schon passiert. Das Duschtuch zum Shampoo, der Autohalter zum Kaugummi usw.. Warum sollte es also unseren Kindern anders gehen und wir nicht mal nachgeben?

Der andere Ansatz ist, zu der Entscheidung zu stehen. Bei einem Jogurt kann sicherlich auch mal nachgegeben werden aber angenommen es handelt sich um ein größeres und teureres Spielzeug. In dem Fall kann die Mama erklären, dass es vielleicht zu teuer ist und wir das nicht kaufen können. Natürlich wird Hannes weinen und enttäuscht sein. Hier ist es aber an der Mama gelegen, den Kontakt nicht abzubrechen und ihm aufzuzeigen: „Ich verstehe Dich. Du bist jetzt traurig und wütend. Heute können wir das Spielzeug aber nicht kaufen. Vielleicht wünscht Du es Dir zu Weihnachten.“ Wir können nicht immer alle Wünsche erfüllen. Ich selbst habe es mit meinem Dreijährigen auch schon gemacht, dass wir ein Foto gemacht und wir verabredet haben, dass Oma zu schicken, dass er sich den Hubschrauber zum Geburtstag wünscht. Das habe ich dann auch wirklich Oma gesendet, denn egal ob drei oder zwölf – versprochen ist versprochen und das wird nicht gebrochen.

Abschließend möchte ich noch mal darauf eingehen, warum ich denke, dass Kleinkinder nicht absichtlich provozieren. Ich kenne es von meiner Tochter. Ich bin mit ihrem Zwillingsbruder beschäftigt, schaue kurz weg und in dem Moment malt sie den Schrank an oder schmeißt mit Sachen durch die Gegend. Ich rufe ihr zu, sie möge das bitte lassen. Macht sie natürlich nicht. Ich fühle mich extrem provoziert und merke, wie das Adrenalin in meinen Adern anfängt zu kochen. Aber provoziert sie wirklich? Kurz inne halten und die Situation aus ihrem Blickwinkel betrachten. Sie macht das nicht um mich zu ärgern – sie möchte Aufmerksamkeit. Sie weiß natürlich, dass darf ich nicht aber auch negative Ansprache wie bspw. schimpfen – ist Aufmerksamkeit. Sie merkt dieses komische Gefühl im Bauch aber kann es nicht beschreiben oder greifen – dazu ist sie noch zu klein. Eifersucht! Ihr Antrieb ist Eifersucht und mag die Aufmerksamkeit nicht teilen. Von daher bringt es also nichts, ihr Verhalten zu bewerten und zu ahnden – ich muss ihre Gefühle wahrnehmen. Sie hat keine Handlungsalternative für ihre Gefühle und jedes Mal, wenn ich als Mama auf das Fehlverhalten eingehe, dann speichert sie es für das nächste Mal. Ich sage in diesem Fall: „Mäuschen, ich bin hier gleich fertig und dann spielen wir wieder zusammen. Ich verstehe, dass Du das gerade nicht schön findest. Bevor wir spielen können, müssen wir aber erst mal deine Zeichnung weg machen oder aufwischen. Du weißt ja wir malen eigentlich nur auf Papier. Ich kann Dir helfen.“ Es ist so wichtig, den Kontakt nicht zu verlieren und zu zeigen, „ja das war eben nicht richtig aber ich habe Deine Gefühle gesehen und verstanden warum Du das gemacht hast. Trotzdem haben wir hier Regeln und Eine davon ist, dass wir keine Möbel anmalen.“ Das ist natürlich leichter gesagt und zwischen Theorie und Praxis sind auch manchmal Welten – auch bei uns.

Der Familienblog Mamazeiten ist kreativ, informativ und alternativ. Ich bin Janina, 37 Jahre alt und Mama von drei Kindern. Mein Sohn ist 5,5 Jahre alt und meine Zwillinge sind 3 Jahre alt. Ich berichte auf Mamazeiten von den unterschiedlichsten Familien in Deutschland und informiere über Familienthemen. Wir leben „Beziehung statt Erziehung“ und ohne Strafen. Mamazeiten ist ebenfalls auf Instagram und Facebook zu finden.

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